WIRD TECHNIK NACHHALTIGE MODE WEITER DISRUPTIV BEEINFLUSSEN? INTERVIEW MIT FASHNERD.COM

Mit dem Jahreswechsel 2019 werfen wir auch einen genaueren Blick darauf, wo die Reise im Bereich Modetechnik genau hingeht, wenn es um einen nachhaltigeren Ansatz bei Stoffen und Design geht. Angesichts der Entwicklung dieses Bereiches und der vielversprechenden Ansätze haben wir uns mit FashNerd.com Gründerin und Chefredakteurin Muchaneta Kapfunde zusammengesetzt und diskutiert, wie weit neu entstehende Technologien den nachhaltigen Modeansatz 2019 bringen werden.

Würden Sie sagen, dass die Modebranche nachhaltiger wird?

Ja, die Modeindustrie wird dank des kontinuierlichen technischen Fortschritts definitiv nachhaltiger. Dieser Wandel hat die Modebranche nicht nur bewusster gemacht, sondern auch Marken und Geschäfte dazu gezwungen, herkömmliche Verfahren transparenter darzustellen. Die gute Nachricht ist dabei: Die Anwendung neuer und ethischerer Verfahren bei den Markenunternehmen wurde durch vorausschauende Start-Ups erleichtert, die zahlreiche innovative Wege finden, um nachhaltigere Mode leichter zugänglich zu machen.

Wie hat die Verschmelzung von Mode mit Technik zu dem ethischen Wandel beigetragen, der sich in der Modebranche derzeit vollzieht?

Es lässt sich nicht bestreiten, dass sich die Partnerschaft dieser beiden Elemente als Schlüssel zum Wandel erwiesen hat. Eine Revolution bahnt sich an, wenn wir sehen wie heute Modetechnik-Vordenker unterstützend bei Entwicklung und Verarbeitung nachhaltiger Textilien zu Bekleidung eingreifen und dabei Modemarken ihrerseits die derzeit entwickelten Technologien zu ihrem Vorteil nutzen und einsetzen, um besser mit solchen Problemen wie Plastikabfällen fertig zu werden.

Photo Credit: Altiir, C2C Gold Denim by C&A, Sydney Brown

Welche Modetechnikprodukte verfolgen erfolgreich einen nachhaltigeren Ansatz bei Mode?

Zum einen haben wir da Sydney Brown, eine biologisch abbaubare Schuhmarke, die einen ganzheitlichen Designansatz verfolgt. Die Marke verfolgt ihre nachhaltige Materialentwicklung konsequent weiter und arbeitet jetzt auf die Entwicklung einer „Null-Abfall“ Technik hin, bei der die endgültige Schuhform aus einer Zellkultur gezüchtet wird. Auch erwähnenswert sind Altiir, die eine Neo-Classic Biker-Jacke aus nachhaltig beschafftem Material ohne (Tier-) quälerei machen, und Very Good Bra, die die ersten „Zero-Waste“ Dessous in kompostierbarer Verpackung auf den Markt gebracht haben.
Und dann ist da noch Stella McCartney. Die ehemalige Creative Direktorin von Chloe hat 2017 mit Parley for the Oceans an einer Serie von Adidas-Sneakern zusammengearbeitet und mit dem Bio-Tech Unternehmen Bolt Threads an einem einzigartigen Kleid ausschließlich aus Bolt Microsilk™.

Welche intelligenten Materialien, die Mode mit Technik verbinden, haben Sie beeindruckt?

Als ich letzte Saison das KEYHOUSE der MUNICH FABRIC START besucht habe, hat man mir verschiedene nachhaltige Stoffe gezeigt – die, die mich am meisten beeindruckt haben, waren die aus Fischhaut und Kiefer. In Island wurde Fischleder schon vor Jahrhunderten für die Schuhherstellung genutzt. Nyvidd gründete die Visleer Foundation mit dem Ziel, Fischleder als nachhaltige Alternative bekannter zu machen.
Sarmite Polakova ist eine Designerin, die sich natürliche Kiefer als Ressource nutzbar gemacht hat. Die geborene Lettin hat entdeckte, dass die innere Haut, die sich unter der dicken und harten Außenrinde verbirgt, lederähnliche Eigenschaften besitzt.

Photo Credits: MUNICH FABRIC START/ Nyvidd; Sarmite Polakova

Einige meinen Kooperationen seien im Bereich Modetechnik überlebenswichtig, war das auch bei der Umsetzung nachhaltiger Verfahren entscheidend?

Absolut. Kooperationen sind großartig, denn sie erlauben es zwei Unternehmen, Ziele zu erreichen, die das Potential bieten, das Denken und Einkaufsverhalten eines breiteren Publikums zu beeinflussen. Im letzten Jahr wurden schon mehr Partnerschaften eingegangen als im Vorjahr. Davon profitierte Stan Smith, der dank Stella McCartney, Fashion for Good, eine vegane Neuauflage erlebte, und C&A führte eine nachhaltige Jeans-Linie ein, während Parley und Corona zusammengearbeitet haben, um öko-innovative Ansätze für Kunststoffabfälle im Meer zu entwickeln.

Auf welche innovativen und wegweisenden Lösungen aus der Modetechnik können wir uns 2019 freuen?

Wir wissen, dass Start-Ups wie Ecovative intensiv daran arbeiten, die Pilz-Biofabrikation für jeden leicht verfügbar zu machen, und Menschen in aller Welt dabei zu helfen, bessere Werkstoffe für alltägliche Produkte zu „züchten“. Das Start-Up Algiknit hat eine Möglichkeit gefunden, Textilfaser aus Knotentang zu gewinnen, einer Algenart. Mit einem Extrusionsverfahren verwandeln sie die Biopolymer-Mischung in einen Tang-basierten Faden, der sich verstrickten oder 3D-bedrucken lässt, um Abfall zu sparen. Das endgültige Gestrick/Gewirk ist biologisch abbaubar und lässt sich mit natürlichen Pigmenten in einem geschlossenen Kreislauf färben.
Dann gibt es auch noch Natural Fiber Welding – ein weiteres junges Unternehmen, das skalierbare, Hochleistungslösungen für das Recycling von Naturfasern untersucht. Sie haben bereits eine Möglichkeit gefunden, nachhaltige Garne und Stoffe mit einem geschlossenen Kreislaufsystem herzustellen und zwar durch das Upcycling von reichlich vorhandenen, heute als „Abfall“ betrachteten Stoffen.